Fastbreakautobahnbaustellensieg

Regenbahn

Circa 150 km in eineinhalb Stunden Hagen-Gießen (mit ß oder ss?) war die Planung, die dann wegen spätem Feierabend zur längeren A45-Auswärtsfahrt wurde. Zäh-stressige Baustellenschikanen und blendende Fernlichterketten im Wochenendverkehr, da blieb nur Zeitvertreib im Radio zwischen Ätherstörungen im Sauerland: Die hessischen Frequenzen können glänzen mit Sendern wie You FM, Radio Bob, Planet und AFN Eagle von der US Army, dagegen herrscht bei uns im goldenen Westen nur dröger Einheitsbrei.
Vom fair kostenlosen Parkplatz auf dem intellektuellen Gelände des Philosophikums der Justus-Liebig-Universität ging es im schnellen Dauerlauf zur benachbarten Sporthalle Ost, einem quadratisch grauen Betonklotz. Netter Einlaß von Schülerinnen und Studentinnen, die noch mit späten Kartenkäufen zu kämpfen hatten, nette 2 € Getränkepreise plus 1 € Pfand auf stabile Kunststoffbecher, diskrete Muskel-Security, die die Karten im Spiel nicht mehr kontrollierten, so daß in der überraschend nicht ausverkauften Halle vor 3648 Zuschauern, trotz Wild Card und Fortsetzung der 44jährigen Gießener Bundesliga-Geschichte und dem Traditionsduell mit den Hagener Gästen, freie Platzwahl möglich war.
Ankunft mit Bier leider erst mitten im ersten Viertel, was aber mit der schnellen Führung unserer in schwarz spielenden Aufsteiger entschädigte, die neuen Trikots sind wohl noch in der Mache.

André McGee – zwei 3er in neun Punkten – Griffin, der die ersten BBL-Punkte erzielte, und Pryor überrollten überforderte Gastgeber zum komfortablen ersten Viertelpolster: 24:12. Kurz vor Halbzeit herrschte dann beim 42:25 schon fast gelassene Vorfreude im vollen Gästestehblock plus halbvollem Gästesitzblock über der OBI-Tribüne (ja, den Biberbaumarkt soll’s noch geben): „Wir ham ein Heimspiel in Giessen…“ Der Wechselchor „Phoenix…“–“…Hagen“ klappte auch wunderbar in der blau-gelben Tribünenecke wie die funky Beats der Supporters-Trommler.
Bis zur Halbzeit kämpfte Gießen durch 10 Punkte des ex-slowenischen Champions Lorenzo Williams auf ein 37:47 heran.

Halbzeitentertainment war ein Zuschauerwettbewerb. Vier Männer gegen eine Dame mit der besten Figur des Abends. Sie startete im besten Kostüm ohne Pumps und hätte so fast gewonnen. Von der Grundlinie sollten die Bälle am Mittelkreis geholt werden, worauf ein wildes Korblegerchaos folgte. Aber einer der Männer traf zuerst, ein äußerst stylischer Preis ein 19 Zoll-LCD-Monitor in kultiger runder Basketballform, den er wie die neue Meisterschale hochhielt.

Chase Griffin Phoenix Bird BBL01

Vor allem Chase Griffin war es, der die spätere Wurfschwäche von McGee (2-6 Dreier, 12 Punkte) ersetzte und Phoenix zum unnötig spannend erkämpften ersten Auswärtssieg antrieb. Viele Fehlwürfe im Farbeimer und Schwäche beim Defensiv-Rebound (18-29) ließen die Gießener oft über den Nahdistanz droppenden David Teague (8-9) herankommen. Etwas Hilfe vom leitenden Schiri mit falschen Entscheidungen für die Gastgeber, speziell bei der Hagener Defense, der Jonathan Kale mit fünf Fouls schon im dritten Viertel bestrafte. Dort waren die 46ers schon auf 60:63 herangeschlichen.

Kevin Johnson sammelte 11 Rebounds und David Teague 12 Punkte von 23, aber die Hagener Führung ließ sich im ganzen Spiel nie kippen, auch nicht beim letzten Dreierversuch von Teague bei 75:77 und -00:20.
83:77-Auswärtssieg am Ende dank bester Coaching Performance von Ingo Freyer wie schon beim Phoenix Cup, als es galt, der Crunchtime von Bonn zu widerstehen. In einem eher unterdurchschnittlichen Bundesligaspiel – nur 57 % aus der Nahdistanz, 27 % Dreier – ließen die fünf Freiwürfe vom 40-Minute-Man Chase Griffin die mitgereisten 300 Hagener dennoch wie nach dem Aufstieg jubeln.

„Dieser Sieg war eine Teamleistung. Damit meine ich auch die vielen Helfer, die gestern noch beim Abschlusstraining an der Halle gewerkelt haben. So etwas sieht natürlich auch die Mannschaft. Und dann die fantastische Stimmung unserer Fans heute, die den Spirit aus dem Aufstiegsjahr mitgenommen haben. Das alles zusammen ist Phoenix.“
(Phoenix-Coach Ingo Freyer)

„Ich bin Gießener, ich liebe das Gießener Publikum, aber ich brauche Unterstützung. Ich brauche eine volle Halle, keine Lippenbekenntnisse und keine 2000 Leute, die bei jedem Ballverlust buhen. Heute hatte ich 3700 Trainer und Kritiker in der Halle.“
(Giessens Coach Bogojevic)

Merke, wenn man mit Bussen gemeinsam zur Halle fährt, dann auch noch auf dem kurzen Stück Fußweg spaßeshalber „Aus-, Aus-, Auswärtssieg“ skandiert und gleichzeitig aber aus den letzten 40 Auswärtsspielen nur eine anorektische Bilanz von 2 Siegen aufzuweisen hat, ist das zwar lustig, aber karmamässig irgendwie ungut. Vielleicht doch lieber Pilgerpfad?
Ich bin Gießenfan. Ich war Freitag beim Spiel und ich lebe noch. Hab sogar heute schon gelacht. Kriege ich jetzt auch den Friedensnobelpreis?
(Edel-46er-Fan oldschoolballer @ Gruebelei)

Pferdskulptur JLU Giessen

Da das BBL-Scouting Fehler ausspuckt, erübrigt sich hier eine detaillierte Analyse, bis die wahren Stats da sind. Korbsport hat’s für JK34 ausgerechnet, danke.
Stellt sich nur die Frage, ob nach dem Finn-Finn-Who-the-fxxx-is-Finn solche Kraftspiele mit nur zwei nominellen Centern Kruel & Kale auf BBL-Niveau halten oder Fleetwood und Grothe unter den Korb abrollen müssen.

Bilder vom Spiel später, hier in der etwas vergilbten Universitätsbibliothek Gießen zwar USB, aber kein SD-Slot. Wofür bloß die ganzen Studiengebühren draufgingen…

Weiter geht es mit Derbies, Gießen reist zu den Frankfurt Skyliners, die mit 67:71 in Trier patzten, wir freuen uns auf das erste Heimspiel Sonntag um 19 Uhr gegen Paderborn, die wegen Berlins Euroleague spielfrei waren.

Wenn man schon in Giessen weilt, lohnt sich ein Ausflug in die Umgebung. Giessen selbst bietet die Uni mit dem Kunstpfad von zwölf internationalen Skulpturen, den Alten Friedhof mit Herrn Röntgen (ja, dem Röntgenbild-Erfinder), breite US-mäßige Straßen und das US-Army Distribution Center, aber Abstecher nach nach Frankfurt am Main, Bad Homburg mit dem Limes-Römerwall oder über die Deutsche Märchenstraße nach Marburg lohnen mehr. Erstaunlicherweise noch nicht offizielles Weltkulturerbe – quasi Hohenlimburg in Hessen – begeistert die schöne alte Universitätsstadt mit abenteuerlicher Architektur uriger Fachwerkhäuser und gemütlichen Spaziergängen in alten Kopfsteingassen, die hoch zum Schloß führen mit einem wunderbaren Blick über die am Wochenende leider verregnete Stadt.
Über dem mittelalterlichen Marktplatz wurde eine Hochseilshow geboten mit einer rothaarigen Motorradfahrerin, die bei strömendem Regen in 50 Meter Höhe noch einen Handstand schaffte.
Basketball spielen die Blue Dolphins Marburg – die Herren nur in der Oberliga Hessen, die Damen immerhin in der DBBL, Sportfrüchte vom Mädchen-Basketball-Leistungszentrum.

Marburg Town

2 Antworten auf „Fastbreakautobahnbaustellensieg


  1. 1 Wo steht die längste Theke der Welt? « H A Y P H O E N I X Pingback am 20. März 2010 um 0:16 Uhr
  2. 2 Doch nur Stroh an Ostern… « H A Y P H O E N I X Pingback am 06. April 2010 um 21:49 Uhr
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